Günther Holler-Schuster
Boxen, Bebop, Whiskey
und filterlose Zigaretten
 

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Ist es zulässig eine „Was-wäre-wenn-Frage“ zu stellen und dabei zu hoffen, man käme dem Inhalt eines Kunstwerks näher? Nur bedingt – man könnte wohl jeden Blödsinn äußern und läge gar nicht einmal so falsch. Trotzdem, was wäre wirklich, hätte es die Pop-Art nicht gegeben? Wie würden wir eine Cola-Flasche heute sehen, wäre „today’s home“ trotzdem „so different, so appealing“ – und Onkel Rudi? Wäre der Alltag dann immer noch der Alltag und somit stinkfad oder maximal eine, von Sachzwängen durchwobene, Ansammlung von Unannehmlichkeiten? Mittlerweile ist alles Pop und man verhält sich in allen Bereichen cool und jugendlich. Die Pop-Art war einmal – in ihren Anfängen – kritisch in Stellung gebracht gegen einen als zu bestimmend erkannten Warenfetischismus des westlichen Kapitalismus. Zugleich war sie aber auch eine Hommage an die ästhetischen Errungenschaften der Werbung und der immer vielfältiger werdenden Alltagskultur sowie an die Gleichung „Kunst ist Leben – Leben ist Kunst“. Natürlich war sie auch ein Bekenntnis zur Jugend, die zuvor nicht wesentlich in Erscheinung treten konnte. Vor der Rock’n’Roll Bewegung der 1950er Jahre war die Welt erwachsen und männlich. Jazzmusiker starben häufig am Heroin oder am Alkohol, was nicht als cool galt, wie später in den Sixties. Der Bebop brachte in den 1940er Jahren Störgeräusche in die swingenden Dance Halls und beendete den Tanz. Als charakteristisch für die Tonbewegungen des Bebop erschienen dem damaligen Hörer rasende, nervöse Phrasen, die nur noch wie melodische Fetzen wirkten. Jede unnötige Note wurde weggelassen. Dieser Stress, den das Publikum hier erfasste, war nicht nur als Reaktion auf den Weltkrieg zu sehen, sondern war auch ein subkultureller Impuls einer jüngeren Generation. Im Jargon junger amerikanischer Halbstarker bezeichnete Bebop eine Schlägerei oder Messerstecherei. Der Existenzialismus in der Lebenseinstellung sowie der harte Schwarzweißkontrast, der nicht nur ästhetisch auffällig war, sondern durchaus auch atmosphärisch wirkte, ließ einen dunklen Vorboten zur glamourösen farbenfrohen Pop-Art entstehen. Nachdem Fernsehen und Medien noch sehr rudimentär ausgebildet und wenig verbreitet waren, hatte man andere Attraktionen. Neben dem Kino (Hollywoods schwarze Serie des Film Noir) oder dem Jazz (Bird, Monk, Gillespie) hatten Sportveranstaltungen (vor allem Stadion- und Hallenereignisse) enormen Zulauf. Wetten bei Rennen aller Art und der Sensation auf der Spur sein, das konnte man in den überfüllten Stadien, auf den Rennplätzen und vor allem rund um die Boxringe. Schläger wie Sonny Liston waren keine Massenidole und wenn, dann zumindest nicht aufgrund erhöhter Sympathiewerte. Das Staunen ob derartiger Brutalität und Kompromisslosigkeit, die solche Typen letztlich dem Slum entkommen ließ, war in der Bewertung durch die Öffentlichkeit entscheidend. Listons kriminelle Karriere war zwar nicht so bemerkenswert wie seine sportliche, zog sich aber parallel durch sein Leben – er starb 38jährig an einer Überdosis Heroin. Larry Holmes: „Es ist hart schwarz zu sein. Warst du je schwarz? Ich war es einmal – als ich arm war.“ Boxen als einzige Möglichkeit, dem Elend und der Kriminalität zu entgehen oder sie zumindest in ein anderes Elend oder in eine andere Form der Kriminalität zu transformieren, war nicht nur für den Akteur reizvoll. Es war auch noch nicht viel Zeit (ca. 15 Jahre) vergangen, als dieser Sport, der eigentlich gar keiner ist, beispielsweise in New York verboten war. Damals gab es trotzdem mehr Kämpfe als heute. Jeder Bezirk hatte seinen Club, der nicht ausschließlich sportlichen Zielen verpflichtet war. Wenn der Ausgang solcher Fights tödlich war, warf man den Leichnam ohne Ausweispapiere irgendwo ins Wasser. In späteren Zeiten konnte man wenigsten in Tageszeitungen lesen: „Boxer im Ring erschlagen“ oder „Tod im Ring“ etc. „Warum sind Sie Boxer?“ wurde der irische Federgewichts-Champion Barry McGuigan gefragt. Er antwortete: „Weil ich kein Dichter bin. Ich kann keine Geschichten erzählen...“. Jeder Boxkampf ist eine Geschichte – ein einzigartiges und bis zum Äußersten verdichtetes Drama ohne Worte. Genug vom Boxen.
Andreas Leikaufs Bilder handeln nicht vom Boxen und vom Jazz auch nicht. Seine Gemälde sind aber auch Verdichtungen, trotz der Verwendung von Text in den Bildern wird man sich eher einer Atmosphäre bewusst, als einer narrativen Inhaltlichkeit. Sie haben diesen besonderen Ausdruck des „Prä-Pop“. Etwa die Kraft der heute vergessenen Künstler der „Pulp-Art“ wird spürbar (Coverillustrationen der 1930er bzw. 1940er Jahre in Amerika). Dynamische, rätselhafte Szenen mit Texten vermischt. Das Coverbild sollte die gesamte Story repräsentieren – vor allem aber deren Höhepunkt, die Entladung. Der Rat „never judge a book by its cover wurde damit ins Gegenteil verkehrt. Außerdem: „Pulp-Art is hard whiskey: men’s art fueled on testosterone.” (Robert Lesser)
Leikauf ist damit kein „Retrokünstler”, der Erprobtes oder Etabliertes hervorzieht und sich anhängt. Es handelt sich um wahrnehmungstheoretische Klassiker, die mit der Suggestivkraft von Bildern, von Texten, von Information allgemein zusammenhängen. Seine Themen wie Gewalt, Politik, sexuelle Beziehungen, etc. werden so dargestellt wie sie in den Medien präsentiert werden. Vorhandenes Bildmaterial (aus Zeitungen, Magazinen, etc.) wird dabei verwendet. Wenige, meist intensive Farben in Verbindung mit Schwarz machen die Dramatik aus. Obwohl die Protagonisten aus der Jetztzeit stammen, wirken sie zeitlos und scheren sich einen Dreck um Moden und Zeitgeist. Im besten Sinn holzschnitthaft sind Leikaufs Bilder. Sie reflektieren über das, was wir für schön halten und hinterfragen Ideale und Wunschbilder, nicht zuletzt durch die Gegenüberstellung von Bild und Text. In der Struktur des Comics findet er zusätzlich bereits entwickelte Darstellungsmöglichkeiten. Dieses Modell scheint dem Künstler beim Bestreben zu helfen, einen allgemeinen Stil einzusetzen im Unterschied zu einem persönlichen. Der Betrachter hat auch sofort den Eindruck vor bestehenden visuellen Codes zu stehen. Die Dramatik durch Gesten bzw. Lichtführungen und die farbige Intensivierung, lassen an Allgemeingültigkeit denken. Außerdem sind die verwendeten Texte sehr suggestiv, oft glaubt man sie zu kennen – „Don’t fly me to the moon“. Werbetexte und Zitate oder Sinnsprüche haben eine lange Tradition. Wir sind alle davon betroffen, wenn wir die Auseinandersetzung mit dem Alten Testament, chinesischer, indischer, persischer Philosophie bedenken, wo sich die Kenntnis der Materie oftmals nur auf einige wenige Sinnsprüche reduziert (wie schon Lao Tse sagte ...). Alle diese großen Gedankengebäude stehen heute als Ruinen da und werden von esoterischen Heilslehrern bewohnt. Durch eine Sloganisierung der Sprache hat sich vor allem in der Werbung eine gewisse Verdünnung etabliert, sodass man den Eindruck gewinnt, dass von den Werken der Weltliteratur ohnehin nur Zitate übrig bleiben. Mögliche widersprüchliche Zusammenhänge innerhalb eines Text-Bildgefüges treten bei Andreas Leikaufs Malereien nicht zufällig auf, sie werden mit dem Schein der Notwendigkeit versehen. Somit wird semantische Unverbundenheit zum Ergebnis einer sorgfältigen Konstruktion, die wir aber nicht notwendigerweise wahrnehmen. Leikauf scheint, wie ein Comicautor, über ein bildliches Inventar zu verfügen, das er einsetzen kann, was sicher auf den anonymisierten Bildstil zurückzuführen ist. Mit dem Begriff Trash hat der Künstler sicher kein Problem. Trash repliziert alle wichtigen Genres der Hochkultur und parodiert diese auch. Die Potenz der populären Kultur – die es natürlich auch schon vor der Pop-Art gegeben hat – liegt in ihrer Unmittelbarkeit und angeblichen Unartikuliertheit. Seine Bild- Wortkombinationen scheinen Teil eines kollektiven Unbewussten zu sein. Selbstverständlich handelt es sich um die Stereotypie der Medienvisualität. Trash hat nicht den Anspruch, im Hinblick auf die Ewigkeit die großen Fragen des Seins zu ergründen, sondern es existiert für die Gegenwart und den Alltag. Sind Boxer trashig, oder Jazzmusiker? Nein, aber die Information, die aus der zeitlichen wie örtlichen Distanz verklärt auf uns kommt, ist eine wunderbare Basis. James Ellroys „White Jazz“ spielt in einem derartigen Milieu. Von Jazzmusikern ist dort die Rede, Art Pepper, wie Charlie Parker heroinsüchtig, kommt als Charakter in diesem Nachkriegssittenbild vor. Leikauf macht als Maler etwas ähnliches, was ein Fotoreporter im klassischen Sinn macht: in jeden Schatten der Gesellschaft hinein fotografieren. Die Fülle seiner Ergebnisse ist ähnlich verblüffend wie die geschickte Regie in seinen Bildern. Schnelle Arbeitsweise und große Aktualität sowie ausgezeichnete Distribution sind Geheimnisse des guten Bildreporters. Leikauf hat das alles, trinkt den Whiskey pur und raucht Zigaretten ohne Filter.
Der berühmte Sportreporter John Schulian meinte einst: „Ob ich durch diesen Job zum Humanisten oder zum Voyeur werde, ist schwer zu sagen“.

 



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