Es
ist kein Spiel. Immer häufiger ist es der Malerei ein Bedürfnis,
sich auf einige besondere Formen zu “stützen”,
um deutlich zu machen, worin die Inspiration der jeweiligen Konzeptualität
liegt. Insbesondere findet man in zeitgenössischen Bildern
oft als Ausdrucksmittel die Schrift, die unterschiedliche Räume
und Bedeutungen einnehmen kann, in der Hierarchie des Sehens mehr
oder weniger wichtig sein kann. Die Aufschriften auf den flächigen
Arbeiten von Ed Ruscha erinnern sofort an Orte und Situationen,
von denen die kulturelle Mythologie in Amerika sowohl in der wirklichen
als auch in der vom Kino übermittelten Phantasiewelt erfüllt
ist. Die Malerei von Christopher Wool ist einfach nur Schrift, ein
Lettering, das - wie es einem Graphiker passiert - sofort auf seinen
Hersteller zurückgeführt werden kann, und gerade dieser
so trockene und extreme Stil hat zu ihrem Erfolg geführt. Raymond
Pettibon hingegen stellt einen Dialog zwischen Bildern und Worten
her, in einer Art Kurzschluss zwischen Sinn und Unsinn, bei dem
jedoch das Element der Erkennbarkeit vor allem durch die Ikonen
und die von ihnen erzeugten Stimmungen gegeben ist.
Diese drei großen Künstler sind alle Amerikaner, und
vielleicht ist das angesichts des Einflusses der Wörter im
Alltagsleben der Vereinigten Staaten gegenüber Europa kein
Zufall. Sie sind zweifellos interessante Vorläufer für
die Arbeit von Andreas Leikauf. Den österreichischen Künstler
interessiert die Schrift jedoch nicht als Kalligraphie, Zeichen,
Dekoration und Graphik. Im Gegenteil: er sucht die einfachsten Druckvorlagen
aus, eine konventionelle, anonyme Blockschrift, deren Stil irrelevant
ist und sie tatsächlich in keinster Weise festlegt. Dennoch
ist sie wichtig, ja von so grundlegender Bedeutung, dass es kein
Bild von Leikauf gibt, auf dem nicht eine Aufschrift, ein ganzer
Satz, ein Slogan, ein Titel oder einfach zwei oder drei Worte aufscheinen.
Geht man davon aus, dass die Schrift das begriffliche Niveau der
Malerei hebt, ist es interessant, das ständige Hin und Her
zwischen diesen beiden Ausdrucksformen zu untersuchen. Zuerst das
Spiel mit den Verweisen zwischen Zeichen/Zeichnung und Bedeutung:
entspricht das, was wir sehen, folglich dem, was ausgedrückt
wird? Manchmal, nicht immer - und jedenfalls nicht regelmäßig,
so dass man oft eine faszinierende nicht-synchrone Wirkung feststellt,
als ob die Worte einen Augenblick früher als wir sie hören
ausgesprochen wurden. Leikauf ist ein Bauchredner der Malerei, er
malt, er schreibt, aber die Stimme kommt von einer anderen Quelle,
von außen, und man weiß nicht recht, woher.
Und was steht auf diesen Bildern geschrieben? Und vor allem: bedeuten
die Sätze und Worte etwas? Leikauf verwendet seine eigene Zeichenwelt,
wie ein DJ bereits bestehende Klänge nutzt und beim Heraussuchen
daraus etwas ganz Neues macht. Im Vorfeld seiner Arbeit gibt es
zweifellos den Schreibzwang, eine Art zwanghaftes Verhalten, Worte
aufzuzeichnen, Notizen zu machen, einen Absatz anzustreichen, an
etwas zu erinnern, das sonst vergessen würde. Einige Sätze
scheinen aus Stücken oder Titeln von Liedern zu stammen, und
tatsächlich klingen die Werke stärker. Bei anderen kann
der Verweis direkt auf die Welt erfolgen, mit ihren Slogans und
Erklärungen oder, banaler, aber nicht weniger effizient, auf
T-Shirts, Sticker und Flyer gedruckte Botschaften, die dafür
gedacht sind, schnell konsumiert und ebenso schnell wieder vergessen
zu werden.
Eine anonyme Schrift, wie gesagt, und dennoch erkennt man ein Werk
von Leikauf sofort, es hat einen unverwechselbaren (Nicht)-Stil.
Das ist auf das Wort zurückzuführen, aber auch auf die
Bilder, bei denen er dieselbe Methode verwendet: er bezieht das
aus der Welt, was ihm an dieser Welt auffällt. Selektion statt
Invention, oder die Malerei im Zeitalter der “Post-Produktion“.
In Leikaufs Bildern, die besonders gut funktionieren, wenn sie inszeniert
sind, finden wir Situationen wie in einer Comédie noire,
eher suggestive und visionäre Anklänge als Wahrheiten.
Kino, Musik (deren begeisterter Liebhaber er ist), Literatur, Werbung,
Fernsehen: das sind die Inspirationsquellen des „modernen“
Malers des 21. Jahrhunderts. Wenn die Kunst früher auf das
Leben und die Wirklichkeit ausgerichtet war, wird heute von unserem
Blick alles erst wahrgenommen, nachdem es von den Medien gefiltert
worden ist. Der Künstler wählt daher aus, unterstreicht,
fügt Beistriche und Punkte hinzu, aber erfindet wenig, und
das darf keineswegs negativ verstanden werden. Der Maler des 21.
Jahrhundert mischt neu, schneidet aus, klebt auf, schafft eine Stimmung,
bei der uns scheint, dass wir vertraute Klänge und Bilder erkennen
können, gerade weil sie eine Grenze, eine Zugehörigkeit
bezeichnen, und der Rest ausgeschlossen ist. Darin besteht gerade
das interessanteste Konzept Leikaufs: Informationen auszuwählen
und aus diesen eine Welt zu definieren.
Luca Beatrice unterrichtet
Kunstgeschichte an der Accademia di Brera, Milano, und ist Kunstkritiker
und Ausstellungskurator.
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